Rendsburg, Hohes Arsenal, ein Dienstagabend im Oktober. Zwei rote Socken, ein Ziel: die SPD Schleswig-Holstein in die Landtagswahl 2027 führen. Serpil Midyatli und Ulf Kämpfer treten in der Urwahl gegeneinander an – und präsentierten sich in Rendsburg als Konkurrent*innen mit viel Gemeinsamkeit aber dennoch feinen Unterschieden.

Acht Minuten hatten beide, um ihre Schwerpunkte zu setzen. Serpil, Landes- und Fraktionsvorsitzende, betonte soziale Themen: mehr Kita-Plätze, bessere Bildung, eine verlässliche Pflege und bezahlbares Wohnen. Ihr Fokus lag auf „den Menschen, die den Laden am Laufen halten“.
Ulf, Kieler Oberbürgermeister mit elf Jahren Regierungserfahrung, nutzte seine Zeit für Kritik an der Günther-Regierung und versprach, „die Demokratie strukturell wieder zu stärken“. Erfahrung gegen Empathie – so könnte die erste Runde überschrieben werden.

Dann wurde es schnell: Die Ja-Nein-Runde zwang beide Kandidierenden zum Klartext. Kurze Fragen, kurze Antworten – kein Raum für lange Begründungen, aber jede Menge für Zwischentöne. Sollte die Landespolizei Drohnen abschießen dürfen? Beide sagten ohne Zögern: ja. Sicherheit geht vor – ein seltener Moment klarer Einigkeit in einem sonst differenzierten Abend. Und die große außenpolitische Frage: Sollte Deutschland Palästina als Staat anerkennen? Wieder: beide ja – doch diesmal war der Unterschied spürbar. Während Serpil Midyatli deutlich und überzeugt antwortete, wirkte Ulf Kämpfer zögerlicher, tastender. Ein Moment, der zeigte, dass Haltung nicht nur vom Inhalt, sondern auch vom Ton lebt.

Dann wurde es spielerisch: Die Schnellrunde „Entweder oder“ sollte zeigen, wie unterschiedlich die beiden Kandidierenden ticken – oder eben nicht. Doch statt Gegensätze zu offenbaren, lieferte sie vor allem Einigkeit.

Nord- oder Ostsee? Beide entschieden sich für die Ostsee – fast schon erwartbar bei zwei Kieler*innen. Plakat oder Podcast? Wieder Gleichklang: lieber Plakat, sagten beide, schließlich wolle man im Straßenbild sichtbar bleiben. Dies stoß augenscheinlich den jüngeren Gäste etwas auf.

Wer gehofft hatte, dass hier die Funken fliegen, wurde enttäuscht – aber wer genau hinhörte, entdeckte feine Nuancen. Serpil argumentierte emotional, mit Blick auf die soziale Verantwortung in der Wirtschaft; Ulf dagegen pragmatisch, aus der Perspektive des Verwaltungsprofis, der Wirtschaft als Grundlage politischer Gestaltung begreift.

Klartext – Publikum fragt, Kandidierenden liefern

Wie steht’s um den Mittelstand? Diese Frage taucht aus dem Publikum auf.
Ulf verwies auf seine Erfahrungen aus Kiel: Ein runder Tisch mit Unternehmen habe geholfen, Kurzarbeit zu vermeiden, da Arbeitnehmenden flexibel zwischen Betrieben wechseln könnten.
Serpil konterte strukturell: Man müsse „die Infrastruktur schaffen, damit der Mittelstand überhaupt atmen kann“ – und nannte eine mögliche Vermögenssteuer als Finanzierungsquelle. Gespräche mit Gewerkschaften und Betriebsräten, so betonte sie, hätten in der Vergangenheit gute Tarifabschlüsse für die arbeitende Mitte ermöglicht. Ein Tariftreuegesetz sei der Traum für die Auftragsvergabe ins eigene Land.

Am Ende des Abends blieb der Eindruck zweier erfahrener Sozialdemokrat*innen, die sich inhaltlich nicht bekämpfen, sondern ergänzen. Serpil steht für soziale Gerechtigkeit und Nahbarkeit, Ulf für Pragmatismus und Regierungserfahrung.
Wer das Rennen um die Spitzenkandidatur macht, entscheidet nun unsere SPD-Basis – per Urwahl. Das Ergebnis folgt in der ersten Novemberwoche.

Eines ist sicher: Rendsburg zeigte, dass die Partei wieder um Inhalte, Ideen und Gesichter ringt – und das mit Leidenschaft. Wenn man sich die Konsequenzen der aktuellen Günther-Regierungen vergegenwärtigt, man mag nur an die Bildungsmisere denken, benötigt es unbedingt eine Korrektur von links. Schleswig-Holstein darf gespannt sein, wer 2027 die SPD ins Rennen führt: die Brückenbauerin Serpil oder der Verwaltungsmann Ulf.